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18.
Etappe: Saint-Emilion
- km 1350
(Michelin Karte 75:
49.88° nord, 2.76° west)
Mittwoch 11.6.86
Der beharrliche Ruf des französischen Wappentiers holt mich aus meinen
schönsten Träumen. Irgendwo hier ganz in der Nähe muss sich ein Bauernhof
befinden. Die gestresste Art wie dieser Hahn seine Stimmbänder strapaziert, lässt darauf
schließen, dass er der Boss einer mittleren Hühnerfarm sein muss.
Wilhelmine frühstückt bereits. Und
ich bin eingeladen. Es tut gut zum Frühstück wieder einmal Gesellschaft zu
haben, angenehm zu plaudern und an einem richtigen Tisch, in einem richtigen
Stuhl zu sitzen. Doch bald schon heißt es Abschied nehmen. Wilhelmine tut dies
auf ihre Weise. Sie gibt mir zur Stärkung, wie sie sagt, eine Flasche 'PINOT
GRIS' mit auf den Weg. Sie habe das Fläschchen anlässlich einer
'Degustation'
auf einem Weingut erworben und ich möge deren Inhalt mit Bedacht genießen, es handele
sich um einen ungeheuer edlen Tropfen. Ich verspreche ihr, mich dieser
Köstlichkeit würdig zu erweisen, bei jedem Schluck an
sie zu denken und sie dabei gehörig hochleben zu lassen. Sie ist gerührt, ich
bin's auch.
Der Tag wird außergewöhnlich heiß, das Trikot klebt am Leibe, ein Zustand, wie ich ihn mir schon
oft während dieser Tour erträumte. Gerne erinnere ich mich jetzt an die Schnee-
und Hagelschauer, die mir während des Juraanstiegs so sehr zu schaffen machten.
Wie tut die Hitze doch gut!!
Zunächst folge ich etwa 60 km dem Lauf der Isle. Die D3
führt durch eine abwechslungsreiche Flusslandschaft,
von Verkehr keine
Spur, die Straße gehört mir allein. In
Montpon verlasse ich das Isletal und erreiche am frühen Nachmittag auf der
D9 Villefranche. Dort genehmige ich
mir in einer Snak-Bar ein kühles Bier und einen Sandwich 'Jambon-
Beurre' und fülle meine Getränkeflaschen. Frisch gestärkt geht's
weiter in Richtung St. Emilion,
dem bekannten Weinzentrum des Bordelais.
Der Weg führt nun durch ausgedehnte Weingärten. Am Straßenrand künden
Schilder mit klangvollen Namen von den weltberühmten Lagen. Nicht wenige
dieser einzigartigen Domänen sind, ihre Einzigartigkeit hervorhebend, von
Rosenspalieren eingefasst.
Es sieht nach Gewitter aus, als ich in St. Emilion eintreffe. Also ab ins Hotel!
Ich klappere drei dieser Etablissements ab und bekomme überall die selbe
Auskunft: "Complet!" Nun ist Zelten angesagt. Der Campingplatz liegt
ziemlich außerhalb, etwa 3 km in Richtung Lussac, in der Nähe der Ortschaft
Montagne an der D122. Er ist nicht sehr groß, eine Wiese mit Obstbäumen, und besitzt kein
Restaurant. Ich werde also gezwungen sein zum Abendessen wieder nach
Emilion zurück zu radeln. Das Zelt ist schnell aufgespannt, dann geht's unter die
Dusche, den Schweiß von 100 km Landstraße abwaschen. Danach folgt, gleichsam
als Referenz an die vom Weinanbau geprägte Region, noch ein kräftiger Schluck aus der Pulle. Ein
84 ger
St. Emilion,
und stinkteuer!
In der Rezeption des Campingplatzes erkundige ich mich nach einem guten
Restaurant. 'La patronne' empfiehlt das 'Silo' in der Rue
Guadet. Stadtfein zurecht gemacht schwinge ich mich in Ausgehkleidung auf
das abgetakelte Fahrrad. Zu allem Überfluss
sind bis zum Ort der Verheißung auch noch etwa 80 Höhenmeter zu überwinden.
Etwas außer Atem und mit ungeduldig knurrendem Magen komme ich schließlich
dort an. Doch bevor ich mich in den Gourmettempel begebe, unternehme ich noch einen
kleinen Stadtrundgang, getreu dem Motto, "Erst die Kultur, dann der
Gaumen!" Und an Kultur besteht hier wahrlich kein Mangel, besonders was
alte Gemäuer angeht. Reichlich beeindruckt bin ich von der
'Église monolithe'
einer in den Fels gehauenen Kirche aus dem 11. und 12. Jahrhundert.
Auch die
Ruine des ehemaligen 'Couvent des Cordeliers' mit seinem aus dem 14. und 15.
Jahrhundert stammenden Kreuzgang kann sich sehen lassen. Dieses bizarre Überbleibsel
der Geschichte wird heute in äußerst praktischer Weise als Café genutzt. Es
gäbe noch vieles zu besichtigen, doch wie so oft im Leben triumphiert auch hier
der Leib über den Geist. Ich bin hungrig wie ein Wolf!
Das Restaurant 'Le Silo' ist in einem
ehemaligen, in den Fels gehauenen Getreidespeicher untergebracht. Seine
gediegene, kultivierte Ausstattung kontrastiert vortrefflich mit den roh behauenen
Felswänden. Und dann erst das Essen! Man könnte ins Schwärmen geraten. Ich
darf nicht vergessen mich für den gute Empfehlung bei Madame zu bedanken.
Streckenkurzbeschreibung:
Michelin Karte 75
Perigueux -
St. Astier - Douzillac - St. Front - St. Laurent - Montpon -
Villefranche - St. Philippe - St. Genes - St.
Christophe - Saint-Emilion
Tagesleistung:
100 km
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