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19.
Etappe: Bordeaux - km 1405
(Michelin Karte 75: 49.80° nord, 3.22° west)
Donnerstag 12.6.86
Dem Ziel so nahe radelt es sich schon
sehr viel leichter. Bis Bordeaux sind es noch ungefähr 60 km und bis Arcachon
etwa noch mal soviel. Es geht mir wie dem sprichwörtlichen Kamel, das die Oase wittert. Die Luft ist klar und
würzig, und irgendwie riecht es nach Atlantik. Das gibt Auftrieb. Leichtfüßig
erklimme ich die 100 Höhenmeter nach St. Emilion, mache dort noch ein paar
Aufnahmen und brause dann auf der D122 in südlicher Richtung davon. Bei
'Branne la Hage' überquere ich die Dordogne, die unter mir
träge ihre gelbbraunen
Fluten westwärts wälzt. Der Verkehr auf der D936 ist ziemlich übel und von Schwerlastern
dominiert. Dennoch will ich nicht von ihr
lassen, führt sie doch geradewegs
nach Bordeaux hinein. Abweichend von der goldenen Regel
Verkehrsknotenpunkte großräumig zu umgehen, werde ich diesmal in
Bordeaux ein möglichst zentral gelegenes Hotel aufsuchen, um so wenigstens
einen ungefähren Eindruck vom Charakter der Stadt zu bekommen.
Noch ein gutes Stück vom Stadtrand
entfernt, verlasse ich die stressige Lasterpiste und schlage mich seitwärts in die
Weingärten. Ich folge einem kleinen steinigen Holperpfad solange, bis der ach so lästige Verkehrslärm
allmählich nachlässt und nur noch als leises monotones Brummen zu vernehmen
ist. Die plötzliche Ruhe ist Balsam
für die arg gebeutelten Nerven. Ein geeigneter Lagerplatz ist schnell gefunden.
Die Satteltasche dient wie schon sooft als Tisch und Theke. Ich bin nicht sehr hungrig,
mein Magen ist sauer, er rebelliert, die Hektik des
Verkehrs stößt ihm übel auf. Da kommt mir Wilhelminens 'Pinot
Gris' in
den Sinn. Die Flasche fühlt sich noch angenehm kühl an. Ich finde ein Gläschen
kann nicht schaden. Außerdem sagt man, Alkohol beruhige die Nerven. Der erste Schluck erweist sich als wahre Gaumenfreude, trocken,
prickelnd und leicht
fruchtig, auf jeden Fall ungewöhnlich süffig. Vielleicht ist er eine Idee
zu warm, aber ein guter Weißwein macht das mit und entfaltet gerade dann sein
volles Bouquet. Unter diesen Umständen ist es nur allzu verständlich, dass es
schier übermenschlicher Willenskraft bedurft hätte einem zweiten Gläschen zu widerstehen.
Ich fühle mich wohl
in dieser weinträchtigen Umgebung, die friedliche Ruhe tut ein Übriges, und ich
gerate allmählich in euphorische Stimmung. Mit mir und der Welt im Einklang, genehmige ich mir
schließlich noch ein
drittes, 'letztes' Gläschen.
Im Wein liegt Wahrheit sagt man, und langsam gelange ich zu der Erkenntnis, dass es nicht besonders
weise sei die jetzt
halbvolle Flasche durch die Gegend zu schaukeln. Das Geschüttle würde
die feine Blume dieses wunderbaren Rebensafts sicher zerstören. Außerdem habe ich Wilhelmine
versprochen ihren 'Pinot Gris' mit der ihm gebührenden Pietät zu behandeln. Oh
nein, ich bringe es nicht fertig ihn nun wieder ins Dunkel der Satteltasche
zu verbannen! Über den richtigen Umgang mit den Gaben der Natur
philosophierend, schenke ich mir noch mal ein. Gläschen für Gläschen preisend komme ich nach und nach der Flasche auf den Grund.
Die Welt ist groß und rund und schön und Radfahren ist schöner als Fliegen! Doch die
'Ein-Mann-Mini-Orgie' verfehlt nicht ihre Wirkung. Inmitten der knorrigen
Rebstöcke sinke ich schließlich, etwas schläfrig geworden, ins kühle Gras.
Für einem Moment
schließe ich die Augen.

Der erfrischende zweistündige
Schlaf macht mich wieder fit. Es ist 15 Uhr und ich
schicke mich an die restliche Strecke bis Bordeaux
hinter mich zu bringen. Meine anfängliche Benommenheit legt sich bald, und ein kühler Gegenwind macht mich schnell wieder verkehrstauglich.
Das ist auch nötig, denn je mehr ich mich der Stadt
nähere, desto dichter wird der Verkehr. Auf
dem 'Pont de Pierre', der steinernen Brücke über die
Garonne, ist das Chaos
dann perfekt. Ich stecke im Stau! Eingekeilt zwischen einer hohen Bordsteinkante
auf der einen und
stinkenden, lärmenden Lastwagen auf der anderen Seite, muss ich immer wieder
anhalten. Die Brummis
fahren auf der engen Brücke so dicht heran, dass mir Hören und Sehen
vergeht. Das stehe ich nicht lange durch. Entnervt gebe ich auf, steige ab und
schiebe. Die
Brücke ist ziemlich lang. An ihrem Ende wende ich mich
dem Flussufer folgend nach rechts. Der Verkehr ist hier zwar etwas weniger
brutal, trotzdem ziehe ich es vor auch weiterhin zu schieben. So lässt sich ungestörter die
prunkvolle Architektur entlang der weiten
Flussschleife betrachten. Die imponierenden Fassaden machen sehr viel her. Sie
gelten laut Reiseführer als gelungenes Beispiel für die europäische Städtebaukunst des
18.
Jahrhunderts. Ich denke, das kann man so stehen lassen und habe dem nichts hinzuzufügen. Die Garonne hat hier eine beachtliche Breite.
Am
jenseitigen Ufer ragen die rostbraunen Wracks einiger Schiffe aus dem
grauen Schlick. Den Aufbauten nach könnte es sich um Kriegsschiffe handeln, die hier versenkt und dann vergessen wurden. Zurück, flussaufwärts
blickend, leuchtet nun in der Ferne der 'Pont de Pierre' mit seinen
17 Rundbögen im milden Licht der Abendsonne. Auf der Garonne herrscht zur Zeit kaum
Schiffsverkehr, nur
ein einzelner Schleppkahn stemmt sich leise tuckernd gegen den träge dahinfließenden
mächtigen Strom.
Ich schiebe weiter den
'Quai de la
Douane' hinunter und gelange an die 'Place de la Bourse' mit dem Börsengebäude, dem 'Hotel de la Bourse' und dem im gleichen
Stil errichteten Zollamtsgebäude, der 'Douane'. Über den 'Cours du Chapeau Rouge' erreiche ich
schließlich die 'Place de la Comedie' mit dem berühmten 'Grand Théâtre'. Dieses
in der Architektur eines griechischen Tempels errichtete Prestigegebäude stellt mit seiner korinthischen Kolonnade
und den mächtigen Kolossalstatuen der 9 Musen und der Göttinnen
Juno, Minerva und Venus so etwas wie
das Wahrzeichen der Stadt dar. Weinfreunden dürfte das 'Grand Théâtre' auch von
diversen Weinflaschenetiketten her bekannt sein.
Auf der Suche nach einem nicht zu
teueren Hotel durchstreife ich einige kleine Gassen und lande schließlich im 'Hotel
du Sud'. Es macht auf mich einen nicht gerade einladenden Eindruck, aber es ist
relativ billig, zentral gelegen, und eine Abstellmöglichkeit für das Fahrrad
gibt es auch. Was will ich mehr? Die Dame am Empfang gibt sich erstaunt und sieht mich
zweifelnd an, so als wolle sie sich vergewissern, ob ich wirklich hier
übernachten möchte. Ich führe dieses leicht befremdliche Verhalten auf mein nicht alltägliches
Radleroutfit zurück. Ein weiterer Grund für ihren Argwohn mag wohl der sein, dass ihre Gäste im
allgemeinen nicht mit dem
Fahrrad anzureisen pflegen. Ich bekomme
dennoch ein Zimmer. Es liegt direkt unterm Dach, und am Knauf der Tür zum Lift prangt
ein Schild mit der Aufschrift: "En panne!". Mir bleibt aber auch nichts
erspart! Über ein schmales
verwinkeltes Stiegenhaus wuchte ich die
schwere, unhandliche Satteltasche nach oben, und das fünf Stockwerke hoch!
Das Abendessen, ein
Fischgericht, ist nur bedingt
genießbar. Ich hätte mir bei der Auswahl des Lokals mehr Zeit lassen
sollen. Es gilt, das ganze möglichst schnell zu vergessen. Ein kleiner Zug durch die Gemeinde
wird mir dabei helfen. Ich überquere die 'Esplanades des Quinconces', den angeblich größten
urbanen Platz Europas. Dort fällt sofort ein besonders aufwändig gestalteter
Brunnen ins Auge. Ich interpretiere das kunstvolle Ensemble als 'Ben Hur im Streitwagen, in Bronze und kurz vor dem
Ertrinken'! Ich schlendere noch ein Stück flussaufwärts den
'Quai Louis XVIII' entlang und begebe mich dann ganz in der Nähe
meines Hotels in eine ziemlich große Bar, um mir noch einen Schlummertrunk zu genehmigen.
Der Mann hinter der langen Theke ist sehr gesprächig. Er will alles ganz genau
wissen. Dann ruft er einen Kollegen herbei, um ihm einen Typen zu präsentieren,
der soeben 'Munich - Bordeaux en velo' gemacht hat. Sein Kumpel ist ebenfalls
begeisterter Radler, und natürlich gibt's einiges zu erzählen. An diesem Abend
wird es wieder einmal ziemlich spät.
Streckenkurzbeschreibung:
Michelin Karte 75
Saint-Emilion -
Branne - St. Quentin - les Bons Enfants - Bordeaux
Tagesleistung:
55 km
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