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1. Etappe: Parentis-en-Born - km 85
(Michelinkarte71: 49,26° nord - 3,80° west) Samstag 7.6.87 Es ist 6 Uhr 30, unausgeschlafen sitze ich im Bahnhofsrestaurant in Bordeaux und frühstücke. Das Geratter des Nachtzugs aus Paris, mit dem ich eben hier angekommen bin, dröhnt mir noch in den Ohren. Ich fühle mich wie gerädert, habe ich doch die Nacht über kaum ein Auge zugetan. Vielleicht wäre es doch besser gewesen mir einen Liegewagenplatz zu leisten. Der heiße, starke Kaffee tut seine Wirkung. Meine Lebensgeister kehren zurück. Seit meinem Aufbruch in München bin ich nun, mit einer kurzen Unterbrechung in Paris, etwa 24 Stunden auf Achse und brenne darauf, endlich das Verkehrsmittel zu wechseln. Im Gepäckraum sehe ich schon von weitem meine prallgefüllten, roten Satteltaschen im Regal auf mich warten. Auch das Fahrrad ist nicht weit. Beide Gepäckstücke hatte ich vor einer Woche im Münchener Hauptbahnhof aufgegeben, in der Hoffnung sie hier in Bordeaux unbeschadet wieder auslösen zu können. Nach kurzem, nervösem Suchen finde ich zu guter letzt auch noch den Gepäckzettel. Einer Übergabe steht nun nichts mehr im Wege. Die Satteltaschen sind, wenn man von einer feinen grauen Staubschicht absieht, in passablem Zustand. Auch das Fahrrad scheint auf den ersten Blick hin nichts abbekommen zu haben. Während ich es auf den Bahnhofsvorplatz schiebe fällt mir jedoch sofort die Unwucht im Vorderrad auf, die an den Felgenbremsen die bekannten Schleifgeräusche hervorruft. Mittels eines Speichenziehers und durch wohlüberlegtes gefühlvolles Drehen an einigen, hierfür besonders geeignet erscheinenden Speichen, ist schnell Abhilfe geschaffen. Das Rad läuft wieder annähernd rund. Es kann losgehen. Die Ausfallsstraße in
Richtung Arcachon ist schnell gefunden. Ich komme gut
durch den morgendlichen Stoßverkehr und folge der N 250, die schnurgerade
Das
Departement 'Landes' erstreckt sich von der Girondemündung im Norden bis zur
Mündung des Adoure bei Bayonne im Süden. Dazwischen liegen 230 km
Atlantikküste, die 'Côte d'Argent', ein immenser Sandstrand, der längste
Europas. Seit Urzeiten deponierte hier der Atlantik riesige Mengen feinsten Sandes,
jährlich etwa 15 bis 18 Kubikmeter pro Meter Küstenlinie. Dadurch
entstanden gewaltige Wanderdünen, die mit einer Geschwindigkeit von 5 bis 25 m pro Jahr ins
Landesinnere vordrangen. Sie bedecken heute einen bis zu 5 km breiten Küstenstreifen. Seit dem Mittelalter versuchte man diesem unbändigen Wandertrieb
Einhalt zu gebieten. Doch erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts gelang es dem
Straßenbauingenieur Bremontier die Dünen zu befestigen. Er begann mit Hilfe
von Palisaden entlang der gesamten Küste eine künstliche, etwa 10 bis 12 m hohe Düne
zu züchten und diese mit Strandhafer, einem niederen Grasgewächs mit dichtem,
sich schnell ausbreitendem Wurzelwerk zu bepflanzen. Auf der Leeseite der so befestigten Düne, die eine Barriere zum Hinterland
darstellt, wurde eine Mischung aus Ginster- und Piniensamen ausgebracht.
Im Verlauf von vier Jahren erreichte
Gegen Mittag hört es auf zu
regnen, die Sonne lässt sich immer öfter blicken und es wird angenehm warm.
In einem kleinen Waldweg halte ich Siesta und lege meine feuchte Kleidung auf
einem Holzstoß zum trocknen aus. Die Luft ist erfüllt von
würzigen Düften nach Holz und Harz. Radfahren macht Appetit. Das leichte
Radlermenu aus der Satteltasche ist ebenso einfach wie wohlschmeckend. Es besteht aus frischem
Baguette, Butter und Käse.
Dort angekommen
stürze ich mich auch sofort in die Fluten. Das Wasser ist wirklich sehr
erfrischend, man kann es ohne
Am Zelt angelangt, ich bin gerade dabei in aller Eile die überall herumliegenden und inzwischen getrockneten Kleidungsstücke aufzusammeln und zu verstauen, überschlagen sich dann die Ereignisse. Der mittlerweile zum Orkan angewachsene Sturm braust
jaulend durch die hohen Baumwipfel. Eine gespenstische, äußerst beunruhigende
Situation. Da, plötzlich, in all dem akustischen
Tohowabohu,
ein schaurig anschwellendes Zischen und Pfeifen von oben, dann ein schwerer dumpfer
Einschlag in
Während draußen die Welt im Chaos zu versinken droht, nehme ich erst mal einen kräftigen Schluck aus der Pulle. Der Wein tut gut, langsam entspanne ich mich und massiere die rechte Schulter, die doch mehr abbekommen hat als ich zunächst dachte. Draußen tobt der Sturm mit unverminderter Wucht noch etwa eine halbe Stunde lang. Dann flaut er etwas ab und es setzt heftiger Dauerregen ein. Mir wird klar, dass ich hier trockenen Fußes nicht mehr weg komme. Also verlasse ich mein Refugium, renne zurück zum Zelt, werfe geschwind das Regenzeug über, ergreife das Fahrrad und radle, gegen Wind und Regen ankämpfend, ins 2 km entfernte Parentis. Da unter den gegebenen Umständen an Campen nicht mehr zu denken ist, quartiere ich mich im 'Hotel du Lac' ein. Nach einem ordentlichen Abendessen bestehend aus Soupe de Poisson, 10 Huitres, Steak grillé, Fromage et Tarte aux Pommes, kehre ich noch mal zum 'Arbres d'Or' zurück um das Zelt und die übrigen Sachen zu holen. Zu meiner Überraschung hat das Zelt das Unwetter gut überstanden, es ist zwar etwas eingefallen, aber das Zeug in seinem Inneren ist halbwegs trocken geblieben. Beim Dämmerschoppen im Hotel fällt dann auch noch der Strom aus, und bei Kerzenlicht wird es so richtig gemütlich. In Gedanken lasse ich die Ereignisse des Tages noch einmal Revue passieren. Im Mittelpunkt meiner Betrachtungen steht natürlich der Beinaheknockdown auf dem Campingplatz. Wäre ich im entscheidenden Augenblick auch nur eine Idee anders gestanden, so hätte mich das Geschoss von oben voll getroffen und die Fahrradtour hätte hier ein jähes Ende gefunden. Die folgenden Etappen hätten nie stattgefunden. Das gibt mir zu denken.
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