Seit 9 Uhr bin ich
wieder unterwegs. Das Wetter ist wechselhaft, in rascher Folge lösen Regenschauer und
Sonnenschein einander ab. Ich bin gezwungen immer wieder zur Regenhaut zu greifen.
Sie wird mein wichtigstes Kleidungsstück. Das gestrige Unwetter hat nicht zu
übersehende Spuren hinterlassen. Beschädigte Dächer, durch
umgeknickte Bäume und abgebrochene Äste blockierte Straßen. Die Feuerwehr hat
alle Hände voll zu tun. Eine Regionalzeitung berichtet auf der ersten Seite
unter der Schlagzeile "Mini Tornado verwüstet Atlantikküste!" über
die Wetteranomalie. Bisher sind fünf Todesopfer und zahlreiche Verletzte zu
beklagen. Zehn weitere Personen, Segler, Surfer und Fischer, werden zur Zeit noch
vermisst. Die Stromversorgung des gesamten Küstenbereichs war für Stunden
lahmgelegt.
Auf der D 46 fahre ich nach Süden, vorbei an malerischen
und für die Gegend typischen alten Gehöften. Die Katastrophenberichte der Zeitungen und mein
eigenes Orkanerlebnis lassen mich nicht los. Sollte es tatsächlich so was wie
Schutzengel geben, so war meiner gestern wohl einer harten Bewährungsprobe ausgesetzt.
Angenommen, ich hätte im entscheidenden Moment auch nur einen winzigen Schritt in die falsche
Richtung getan, so wäre ...... Ich weigere mich den Gedanken zu Ende zu denken, komme ins Grübeln.
Versunken in philosophische Betrachtungen über das Schicksal, die Vorsehung und über Gott und die
Welt trete ich gleichmäßig in die Pedale. Die reale Welt meiner unmittelbaren Umgebung
tritt etwas zurück, ich nehme sie nur noch eingeschränkt wahr. So kommt es wie es
kommen muss, ein schräg über die Straße verlaufendes Bahngeleise entgeht meinem sonst so wachsamen
Auge, und diese kleine Unachtsamkeit wird augenblicklich und auf der
Stelle bestraft. Der regennasse Stahl der Eisenbahnschiene verweigert meinem
Vorderrad die nötige Haftung, wodurch dieses abrupt seitlich wegrutscht
und meinen sofortigen Sturz zur Folge hat. Der schmerzliche Kontakt mit dem harten
Asphalt reißt mich jäh aus meinen abgehobenen Gedanken und bringt mich schlagartig in die
Wirklichkeit zurück. Instinktiv springe ich
auf und ziehe das Rad von der Fahrbahn. Der gesamte Vorgang dauert nur wenige
Sekunden. Er wird noch durch das laute Gehupe eines näherkommenden Autos
beschleunigt. Im Wiesenstreifen am Straßenrand lecke ich dann meine Wunden und
überprüfe besorgt meinen Gesundheitszustand. Die
Knochen sind alle heil geblieben, das ist das wichtigste. Ein paar schmerzhafte
Hautabschürfungen an Knie und Ellbogen
sind schnell verarztet. Ich nehme mir vor, von nun an wieder etwas mehr auf die
Straße zu achten.
In
Mimizan beschließe ich einen Abstecher zu dem bekannten Badeort
Mimizan-Plage zu unternehmen, um mich in den Wellen des Atlantiks etwas
zu erfrischen. Dort angekommen, werde ich von
einer ziemlich steifen Brise empfangen. Sie ist mir Erfrischung genug. Außerdem lädt der schwarzgraue,
wolkenverhangene Himmel
nicht gerade zum Baden ein. Für das Auge des Photographen jedoch bietet die
schaurigschöne Gewitterstimmung einen willkommenen Kontrast zu den sonst üblichen
Badestrandidyllen der
Ferienprospekte. Ich
muss mich mit dem Fotografieren beeilen, denn schon kündigen heftige Sturmböen
das sich nähernde Gewitter an. Erste dicke Tropfen lassen kleine Sandfontainen
aufspritzen und hinterlassen winzige Einschlagkrater im Sand. Die Aufnahmen
sind kaum
im Kasten, da entlädt sich auch schon
ein gewaltiger Wolkenbruch. Ich kann mich gerade noch
rechtzeitig in ein nahes Strandcafé retten. Auf der überdachten
Terrasse zufrieden im
Trockenen sitzend, genehmige ich
mir ein kleines Bierchen und genieße gelassen das prasselnde Spektakel. Die Ecke hier am
Atlantik scheint mir so eine Art Wetterküche zu
sein. Da läuft schon mal was über.
Wie überall an dieser
Küste
beginnt auch hier unmittelbar hinter der Düne der Pinienwald. Dort nehme ich vorübergehend
einen
der großzügig eingerichtetem Picknickplätze in Besitz und
lasse mir das schon bekannte leichte Radlermenu (siehe Etappe 1) schmecken. Es ist inzwischen
zwar wieder etwas heller geworden, aber der stete Wind lässt keine
rechte Gemütlichkeit aufkommen. Auch ein zweites Glas Bordeaux ändert daran
nichts. Schon bald verziehe ich mich deshalb wieder
etwas weiter ins Landesinnere nach Mimizan, wo ich dann bei mäßigem Wind über Steuerbord,
auf der D 652 meinen Weg nach Süden fortsetze.
Über St. Julien, Lit-et-Mixe und St. Girons gelange ich schließlich am
späten Nachmittag nach
Léon.
Der kleine Ort am gleichnamigen Etang gefällt mir, das 'Hotel du
Lac' macht einen guten Eindruck, und ich beschließe zu bleiben. Zum Abendessen gibt es
'Confit
de Canard', eingelegte Ente, eine regionale Spezialität. Danach unternehme ich noch einen kleinen
Spaziergang am See. Auf einer Bank am Ufer sitzend genieße ich im warmen Licht der
untergehenden Sonne die friedliche Stimmung am Etang. Wie mag es wohl gestern
Abend hier ausgesehen haben?