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4
. Etappe:
Sare - km 266
(Michelin Karte
85: 48,13° nord - 4.37° west)
Mittwoch 10.6.87
Es ist jetzt 20.50 Uhr und soeben geht Bordeaux gegen Marseille mit 1:0 in
Führung. Im Radio wird ein offenbar sehr wichtiges Fußballspiel übertragen. Der
Reporter krächzt ein wenig. Das ist aber nicht so sehr auf seine strapazierten
Stimmbänder zurückzuführen, sondern liegt eher an der lausigen Qualität
meines etwas leistungsschwachen Miniradios. Dieses habe ich im Maschendraht der
Campingplatzeinzäunung befestigt, es röhrt auf voller Lautstärke und ist doch in ein paar Meter Entfernung kaum
noch zu hören. Ansonsten herrscht hier auf dem Platz eine ohrenbetörende
Stille.
Eine Stille, an die ich mich erst gewöhnen muss. Ringsumher Natur pur! Der
nächste Ort, Sare, ist einige Kilometer entfernt. Ich habe schon zu Abend gegessen. Der Einfachheit halber gab es Linsen aus der Dose mit etwas drin,
das
sich nicht eindeutig identifizieren ließ. Das Etikett der Dose lässt vermuten,
dass es sich um Würstchen handelte. Wie dem auch sei, das
Ganze war gar nicht so übel, jedenfalls schmeckte es besser, als ich befürchtet hatte.
Der
Reportage im Radio zu folgen ist ziemlich anstrengend und hat für mich keinen besonders hohen Informationswert, da ich nicht
einmal die Hälfte des Geschehens mitbekomme. Meine ohnehin nicht gerade üppigen
Französischkenntnisse weisen auf dem Sektor Fußball doch allzu
große Lücken auf. Auch redet mir der Typ viel zu schnell. Ich suche einen anderen Sender, finde aber
keinen und schalte aus. Die wieder hergestellte Ruhe ist erholsam. Ich gehe die heutige Etappe noch
einmal durch und mache mir stichwortartig Notizen.
Der Vormittag war sehr
kurz. Ich hatte verschlafen und kam erst um 11.15 Uhr in die Pedale. Auf der
N10 herrschte, wie schon gestern, brutalster Verkehr, doch das Wetter war phantastisch. Bis Guéthary
verläuft die Straße meist in unmittelbarer Strandnähe parallel zu Küste. So gegen
Mittag
nutzte ich diese günstige Gelegenheit zu einem kleinen Strandpicknick mit
anschließendem Bad in der eiskalten Brandung des Atlantik. Letzteres war allerdings,
was Dauer und Vergnügen anbelangt, kaum der Rede wert, da ich, um in hüfttiefes Wasser zu gelangen,
erst einmal einen Fußmarsch von 200 Metern absolvieren
musste. Wegen der
extremen Kälte begannen bereits auf halbem Wege die Beine völlig gefühllos zu
werden und langsam abzusterben. An Schwimmen war unter
diesen Umständen überhaupt nicht zu denken, und ich
brauchte eine hübsche Weile um wieder auf Normaltemperatur
zu kommen.
Und weiter ging's auf der
N10 nach Saint-Jean-de-Luz, einer kleinen idyllischen
Hafenstadt zu Füßen der Pyrenäen. Durch Walfang reich
geworden, war der Ort einst bedeutender als Biarritz. Heute
ist die quirlige und weltoffene Stadt mit ihrem ausgedehnten
Strand und dem alten Hafen einer der beliebtesten
Küstenferienorte Frankreichs. Auch mir war er auf Anhieb
sympathisch, und ich spielte schon mit dem Gedanken hier
mein Zelt aufzuschlagen. Doch dazu war es einfach noch zu
früh, ich hatte ja erst knapp14 km zurückgelegt, und
außerdem lockten weithin sichtbar schon die ersten Berge
der Pyrenäen. Hier ganz in der Nähe, auf der
gegenüberliegenden Seite des Hafenbeckens, in Ciboure,
erblickte übrigens im Jahre 1875 der Komponist des 'Boléro',
Maurice Ravel, das Licht der Welt.
Ich
schlenderte noch eine Weile durch die Gassen der Innenstadt,
wo gerade ein Markt abgehalten wurde, ließ mich auch im
alten Hafen kurz blicken und machte mich dann auf der D918
in südöstlicher Richtung davon. Die Landschaft wurde
alsbald hügeliger, und ab der Ortschaft Ascain ging es dann
rasch zur Sache. Vor mir lag der Col de St. Ignaz. Mit
seinen 169 m Höhe ist er zwar nicht gerade ein Riese,
dennoch weist er einige nicht zu verachtende Steigungen auf.
Mit dem Überschreiten der Passhöhe gelangt man in eine
völlig andere Welt, in die Abgeschiedenheit der
Pyrenäen.
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