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9. Etappe: Barthe de Neste - km 520 (Michelin Karte 85: 47,92° nord - 2,93° west) Dienstag 16. Juni 87 Ich hatte mich schon mit einem wetterbedingten Zwangsruhetag abgefunden. Doch so gegen 9 Uhr, nach einem ausgiebigen Frühstück, wird mir der Gedanke, hier einen ganzen Tag tatenlos herumzusitzen, unerträglich. Mit dem festen Vorsatz, beim ersten Regenschauer die Etappe sofort abzubrechen, schwinge ich mich in den Sattel. Der Himmel ist einheitlich grau und verheißt nichts Gutes. Aber es bleibt trocken. Nach und nach nimmt die Wolkendecke sogar Konturen an und zeigt hie und da einige hellere Flecken. Im Tal des 'Pau', auf der relativ verkehrsreichen D 937, komme ich recht flott voran und erreiche nach einer knappen Stunde den wegen seiner Wunderheilungen bekannten Wallfahrtsort 'Lourdes'.
Ohne
festes Ziel schlendere ich durch die Straßen und Gassen der Stadt, genehmige
mir in einem kleinen Cafe ein zweites Frühstück und gelange schließlich auf ein offenes parkähnliches
Areal,
das den Blick auf einen neogotisch anmutenden
Nach etwa 10 km wird das Gelände ziemlich hügelig mit einigen deftigen Steigungen bis zu 9 % und ebensolchen Abfahrten. Das Wetter hat sich inzwischen weiter gebessert. Es weht eine enorm steife Brise aus West, die mir, da sie überwiegend von hinten kommt, paradoxerweise sehr entgegen kommt. Ab 'Montgaillard' folge ich der D 935 und erreiche so gegen Mittag 'Bagnères de Bigorre'. Vor mir, im Süden, über den Pyrenäen, hängt eine schwere grauschwarze Wolkenbank. Dort liegen aber auch die Pässe 'Col d'Aspin' und 'Col de Payresourde', die ich fest in meine Route eingeplant habe. Ich muss mich entscheiden, entweder ich fahre die Pässe und riskiere dabei nochmals richtig eingeweicht zu werden, oder ich fahre weiter durch die Hügel des nördlichen Pyrenäenvorlandes und bleibe aller Voraussicht nach trocken. Ich bin hin und her gerissen, doch schließlich geben die noch allzu lebendigen Strapazen der vergangenen Tage den Ausschlag.
Das die Landschaft dominierende, weithin sichtbare Bauwerk entpuppt sich als das 'Chateau de
Mauvezin', ein wehrhaftes Castell, dessen
Entstehungsgeschichte bis
Vor dem Eingang, einem kleinen ins Gemäuer eingelassenen Rundbogen, liegt dösend ein Hund. Ein Gebirge von einem Hund, ein Berner Senn. Für einen Moment verlangsame ich meinen Schritt und bleibe in respektvollem Abstand stehen. Doch dann erinnere ich mich an die sprichwörtliche Gutmütigkeit dieser Hunderasse. In der Hoffnung, der Hund sei sich dieser positiven Eigenschaft bewusst, gehe ich mutig auf ihn zu. Er scheint schon mal davon gehört zu haben, denn er begibt sich artig, wenn auch etwas zögernd, auf seine vier kräftigen Pfoten. Dann dehnt und streckt er sich ausgiebig und tritt gemächlich, ohne mich aus den Augen zu lassen, beiseite und lässt mich passieren.
Das Innere der Burgruine ist etwas ernüchternd und besteht im Wesentlichen aus einer mehr oder weniger gut gepflegten grünen Wiese, begrenzt von den mächtigen, knapp 20 m hohen Außenmauern. In eine der Mauern ist der wuchtige Turm eingelassen. Rechts neben dem Turm befindet sich ein kleiner Kiosk. Er ist Andenkenladen und Kasse zugleich. Das Schiebefenster an der Vorderseite ist zugeschoben, die Kasse nicht besetzt. Insgeheim hoffe ich, dies möge auch so bleiben, denn selbst für nur 10 FF wird hier eindeutig zu wenig geboten. Die Mauern sind mit einem teilweise begehbaren Wehrgang ausgestattet. Dort oben, in luftiger Höhe, bietet sich ein beeindruckendes Panorama auf die Landschaft der Baronnies und die Ausläufer der Pyrenäen. An Hand der Karte gelingt es mir sogar, die von Herrn Michelin in seinem Führer besonders erwähnten Gipfel, den 2865 m hohen 'Pic du Midi de Bigorre', den 2831 m hohen 'Arbizon' und den 2339 m hohen 'Pic de Montaigu' eindeutig zu lokalisieren.
Die schöne Aussicht stimmt mich versöhnlich, dennoch
werde ich versuchen mir das Eintrittsgeld zu sparen, aus purem Sportsgeist,
versteht sich. Ich steige also die Mauer wieder hinab und strebe schnurstracks dem
Ausgang zu, wobei ich mich bemühe, jeglichen Blickkontakt mit dem, im Kiosk
eventuell anwesenden Personal zu vermeiden. Unter dem Bogen
wartet schon Bernie, der Sennenhund, auf mich. Obwohl er diesmal sitzt, gelingt
es ihm spielend den Durchgang zu versperren. Das beunruhigt mich nicht
weiter, Bernie weiß schließlich was sich gehört. Doch Bernie rührt sich
nicht von der Stelle. Er sieht mich nur durchdringend an, so
als wolle er mich hypnotisieren. Da diese Rasse, wie schon erwähnt, an und für sich als sehr gutmütig
gilt,
versuche ich halblaut verbal auf ihn einzuwirken: "Bernie, verschwinde, ich
hab's eilig"! ..... keine Reaktion! Unbeweglich blockiert er beharrlich den
Ausgang und stiert mich weiter unverwandt an. Da fällt mir ein, dass Bernie ja wohl eher
den französischen Umgangston gewöhnt ist. Ich versuche es noch mal: "Va-t'en,
monstre, laisse moi passer!" Diesmal spitzt er, so gut er kann die
schlappen Ohren. Er zeigt mir stolz sein
tadelloses Gebiss, und seiner Kehle
entweicht ein dezentes, aber deutlich vernehmbares Grollen. Einerseits bin
ich über dieses unerwartete Verhalten entzückt, beweist es doch, dass mein Französisch so
schlecht nicht sein kann, wenn sogar ein Hund es versteht. Andererseits hat so
ein kräftiges, gesundes Gebiss irgendwie auch etwas Bedrohliches an sich.
Inzwischen ist es wieder mal an der Zeit mich nach einer Bleibe für die Nacht umzusehen. In der nächsten größeren Ortschaft an der D 938, es ist 'Barthe de Nest', fällt meine Wahl auf das 'Hotel d'Officier'. Fazit: Ein alles in allem erfreulicher Tag. Schade um die beiden Pässe!
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9. Etappe Lestelle - St. Pé-de-Bigorre - Lourdes - Montgaillard - Bagneres-de-Bigorre - Trebons - Mauvezin - Barthe de Neste |
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Tagesleistung: 65 km
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