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12.
Etappe: Carcassonne - km 684
(Michelin Karte 86: 48,00° nord - 0,00°)
Freitag/Samstag 19./20. Juni 87
Der
Tag fängt gut an! Ich habe hervorragend geschlafen, ordentlich gefrühstückt,
das Zelt ist abgebaut und die Satteltaschen sind gepackt. Einem geordneten
Aufbruch stünde also nichts im Wege. Doch just in dem Moment, als ich mich in
den Sattel schwingen will, öffnet der Himmel eine kleine Schleuse. Es fängt
ganz sanft zu regnen an. Ich ziehe mich in eine geschützte Ecke des
Campingplatzes zurück und warte. Nach und nach tut sich nun eine Schleuse nach
der anderen auf, bis eine wahre Sturzflut auf den kleinen Geräteschuppen
hernieder prasselt, in den ich mich geflüchtet habe. Ich warte beinahe
2 Stunden, dann lässt der Regen langsam nach und hört schließlich ganz
auf.
Inzwischen habe ich mir noch einen Kaffee bereitet und gehe anhand der Straßenkarte die
heutige Strecke noch einmal durch. Ich will es unbedingt bis 'Carcassonne'
schaffen.
Auf der D 620 radle ich locker und ausgeruht entlang des Flüsschens
'Hers' nach 'Chalabre'.
Der Himmel lässt an Bläue zwar etwas zu wünschen übrig, doch was soll's, es
ist warm und ich komme gut voran. Merklich weniger locker geht's dann 240 Höhenmeter
hinauf zum 'Col de St Benoit'. Der Schweiß fließt wieder einmal in Strömen. Doch die Belohnung
folgt auf den Fuß, 3 km rasante Abfahrt nach 'St Benoit' durch eine
lieblich mediterrane Berglandschaft. Der Anstieg zum 'Col de
l'Espinas' weist noch zwei unangenehme
Steigungen auf, aber dann geht's 320 Höhenmeter talwärts nach
'Limoux'.
Kaum habe ich die 'Aude' überquert, da setzt leichter Regen ein und lässt
allmählich die prachtvolle Landschaft hinter einem nassgrauen Schleier
verblassen. Bis Carcassonne sind es noch 28 km. Nun beginnt der strapaziöse Teil
der Etappe. Ich folge der D 102 über 'St Hilaire',
'Leuc' und 'Cavanac' nach Carcassonne. Bei schönem Wetter wäre die kurvenreiche hügelige Strecke sicher
nicht uninteressant. Jetzt jedoch wird sie zur Plage. Ab St Hilaire wird
die Gegend zwar etwas flacher, dafür legt der Regen noch einen Zahn zu. Völlig
aufgeweicht komme ich schließlich am späten Nachmittag in Carcassonne an. Wie
zum Hohn reißt jetzt plötzlich die Wolkendecke auf und immer
häufiger scheint die Sonne durch die schnell dahinziehenden, blauen
Lücken.
Carcassonne ist das große Handelszentrum der Weinbauregion
'Aude'. Seine historische Altstadt,
die 'Cité', ist eine phantastische Festungsanlage, die
von zwei schießschartenbewehrten Festungsmauern umschlossen ist, in die unzählige
Türme und Türmchen eingefügt sind. Das wuchtige, in die innere Mauer
integrierte gräfliche Schloss ist zur Cité
hin nochmals durch eine Mauer und einen tiefen Wassergraben abgesichert. Hier
traute keiner keinem! Das ganze Ensemble hat sich offensichtlich seit dem Mittelalter nicht mehr
verändert, ist quasi erstarrt. Ein imponierendes Meisterwerk mittelalterlicher Festungsarchitektur!
Die
Stadt spielte über Jahrhunderte hinweg eine bestimmende Rolle in der Geschichte des Languedoc.
Ihre frühesten Spuren, ausgegrabene Keramikgefäße, reichen bis in die
Eisenzeit, ins 5. Jahrhundert v. Ch. zurück. Ein paar hundert Jahre später, im 1. Jahrhundert v. Ch.
kamen die Römer und errichteten am Ort der Cité ein befestigtes Lager. Sie
blieben dort, bis sie von den Westgoten im 5. Jahrhundert n. Ch. vertrieben
wurden. Im 8. Jahrhundert beherrschten die Sarazenen für einige Jahre die
Stadt, ehe diese dann im Jahre 759 von dem Frankenkönig 'Pippin dem Kurzen' eingenommen wurde.
Die nächsten 400 Jahre bleibt Carcassonne als Hauptstadt einer Grafschaft unter
der Herrschaft der Grafen von Toulouse. Eine Epoche großer Prosperität, die erst
mit den Kreuzzügen gegen die Albigenser Anfang des 13. Jahrhunderts zu Ende
ging.
Einen
päpstlichen Auftrag in der Tasche und mit der Verheißung auf Vergebung ihrer
Sünden, zogen die Kreuzfahrer des Nordens mordend und plündernd durch den
Languedoc, um den häretischen, vom rechten katholischen Glauben abgefallenen
Albigensern und Katharern eine blutige Lektion zu erteilen. Der letzte große
Zufluchtsort der Katharer in Frankreich war das 'Chateau de Montségur'. Es
wurde am 2. März 1244 eingenommen und mehr als 200 Katharer fanden ihren Tod in
den Flammen der Inquisition.
Nach einer Belagerung im Jahre 1209
unter der Leitung des Zisterziensers Arnaud-Amaury, musste sich der Vizegraf von Carcassonne, Raymond-Roger Trencavel,
wegen Wassermangel geschlagen geben. In der Folgezeit wurden die Verteidigungsanlagen
verstärkt. Die Cité bekam ihre äußere Mauer. Im Jahre 1240 versuchte dann Trencavels Sohn in einer großen Belagerung
sein Erbe zurückzuerobern.
Vergeblich! Es gelang ihm zwar die Mauern etwas anzukratzen, doch die
königliche Armee zwang ihn schließlich sich zurückzuziehen. Die
Festungsanlagen wurden daraufhin wieder instand gesetzt und weiter verstärkt,
so dass sie von nun an für lange Zeit als uneinnehmbar galten.
Nach kurzer Suche finde ich im 'Hotel de l'Octroi', in der Avenue
Gérnéral-Leclerc, ein günstiges Quartier. Günstig nicht nur wegen des kulanten
Zimmerpreises von 64 Franc pro Übernachtung, sondern vor allem auch auf Grund seiner
unmittelbaren Nähe zur 'Cité'.
Mein Zimmer befindet sich im 2. Stock und bietet über ein buntes Dach hinweg einen
romantischen Ausblick auf einen Teil der inneren Stadtmauer, auf die 'Porte
Narbonnaise', das Narbonner Tor und auf die 'Tour du Trésau', den Turm mit der Schatzkammer.
Ich bin begierig mehr zu sehen von dieser einzigartigen mittelalterlichen Stadt. Eilig dusche ich mir
den Schweiß vom Leib, werfe mich in meine Ausgehkleidung und mache mich zu Fuß, mit dem
Fotozeug bewaffnet, auf den Weg. Der Anblick des Narbonner Tores, der Mauern und
Türme ist überwältigend.
Mit ein wenig Phantasie fühlt man sich zurückversetzt in die
mittelalterliche Welt, mit ihrem ausgeprägten Schutzbedürfnis. Galten doch Raub- und
Eroberungsfeldzüge damals als durchaus ehrenwerte Beschäftigungen, von
Adel und Klerus gleichermaßen geschätzt.
Durch eine Art Eingangshalle gelange ich in die sogenannten
'Lices', den Bereich zwischen den beiden
Wehrmauern, in dem einst Pferderennen und Ritterturniere abgehalten wurden. In
den engen Gassen der Cité herrscht lebhaftes Treiben.
Es gibt Läden, eine Bank und ein Luxushotel. Monsieur Michelin gibt für die
Cité
eine Einwohnerzahl von 380 an. Während der Reisesaison steigt diese Zahl sicher
auf ein vielfaches an. Der moderne Teil der Stadt, die 'ville
basse', die
Unterstadt, liegt auf der anderen Seite der Aude und hat 46 000 Einwohner.
Die
Strapazen des Tages machen sich nun langsam bemerkbar, die Beine sind schwer und
verlangen hochgelegt zu werden. Außerdem knurrt mein Magen. Ich beschließe,
mir den Rest der Besichtigung für den morgigen Ruhetag aufzuheben. Auf dem
Weg zum Hotel erstehe ich in einem Weinladen noch eine Flasche 'Blanquette', den
berühmten Schaumwein der Region, den zu probieren man nicht versäumen sollte.
Jedenfalls ist dies die Empfehlung von Herrn Michelin. Dem habe ich nichts
hinzuzufügen, wo er recht hat, hat er recht!
Den Ruhetag nutze ich dazu, mich mal wieder gründlich auszuschlafen. Nach dem
Frühstück mache ich mich natürlich sofort auf den Weg in die
Cité. Es gibt viel
zu fotografieren. Einfach phantastisch was hier an Jahrhunderte altem Gemäuer noch
gut erhalten herumsteht! Der gute Zustand ist, laut Herrn Michelin, nicht zuletzt den
Bemühungen des Architekten Eugène Viollet-le-Duc zu verdanken.
Im 19. Jahrhundert versuchte dieser der Cité ihr mittelalterliches Gesicht
zurückzugeben. Er restaurierte nicht nur die beiden Außenmauern, sondern auch
das gräfliche Schloss, die Basilika St. Nazaire, sowie einige Häuser der
Innenstadt. Ich denke, das Werk ist ihm gelungen!
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