Der Dom von Siena mit seiner hellleuchtenden Marmorfassade macht wirklich was her!
Er wurde auf der höchsten Stelle der Stadt errichtet und zählt zu den
eindrucksvollsten Kirchenbauten Italiens. Das meint zumindest mein gedruckter
Toskanaführer, und ich denke, er hat damit nicht ganz Unrecht.
Mit dem Bau wurde 1299 begonnen, die Bauzeit betrug 35 Jahre. Im Jahre 1339 entwickelte man
ehrgeizige Umbau- und Erweiterungspläne. Der bestehende Dom war dabei als Querschiff einer neuen,
in ihrer Hauptachse über 100 Meter langen Kirche vorgesehen. Auf diese Weise sollte
damals das größte gotische Bauwerk südlich der Alpen entstehen. Jedoch es kam anders. Die
Pest von 1348 und nachgebende Fundamente bereiteten den kühnen Plänen ein
vorzeitiges Ende. Die bereits errichteten Teile des neuen Domes bilden heute die
Einfassung der 'Piazza lacopo della Quercia'. Der reiche Skulpturenschmuck der
schönen Fassade wurde 1869 größtenteils renoviert. Die Figuren sind heute
fast alle durch Kopien ersetzt.
Es ist schon beinahe 10 Uhr, als ich mich aufs Rad schwinge und die Piazza del Duomo
und Siena verlasse.
Auf der N222 radle ich zunächst ohne größeren Kraftaufwand in nördlicher Richtung durch die Hügel nach 'Quercegrossa'.
Der Himmel hat sich etwas bewölkt, aber es bleibt trocken. Vor mir liegt eine
reizvolle Strecke mit 250 Höhenmetern und einigen Steigungen über 10 %. Ich
komme ins Schwitzen und muss immer wieder kleine Pausen einlegen. In 'Castellina
in Chianti' ist es dann geschafft. Ich bin oben! Die Straßenkarte verheißt mir
nun eine Talfahrt mit 450 Höhenmetern hinunter nach 'Poggibonsi' ins Tal der
'Elsa'. Für all die Plackerei eine willkommene Belohnung! Kurvenreich
geht's nun über S. Agnese und Cedda talwärts nach Poggibonsi und von dort
weiter in Richtung San Gimignano, meinem heutigen Etappenziel entgegen.
In der Ferne, auf einem der Hügel, sind schon die Türme der Stadt zu erkennen,
als ich mich entschließe eine längst überfällige, verspätete Mittagspause
einzulegen. Im hohen Gras am Rande eines Weingartens lagernd, halte ich
ausgiebig Siesta. Es gibt den bewährten Radlerlunch, bestehend aus Brot mit Salami und Käse, und dazu den Rest des Rotweins von
gestern. Ich genieße die wärmenden Strahlen der Sonne, die immer wieder durch die Wolkendecke brechen und die liebliche toskanische Landschaft
mit einem sich schnell wechselndem Licht- und Schattenspiel überziehen.
Die Pause hat mir gut getan. Ich fühle mich wieder fit für die letzte
Herausforderung des Tages, den 220 Meter hohen Anstieg hinauf nach San
Gimignano. Je mehr ich mich ihr nähere, desto deutlicher hebt sich die
Silhouette der Stadt gegen den graublauen Gewitterhimmel ab. Sie
erinnert mit ihren vielen Türmen, ihren Miniwolkenkratzern irgendwie entfernt an die
Skyline von Manhatten.
Ziemlich erschöpft und schweißnass komme ich schließlich oben an und
nehme, ohne lange nach einem Hotelzimmer zu suchen, die nächstbeste Privatunterkunft.
Die Vermieterin, vom Typ missmutige Alte, beäugt mich argwöhnisch,
als ich polternd meine Satteltasche die Treppe hochhieve. Offenbar fühlt sie
sich in ihrer Ruhe gestört. Als ich dann auch noch zu duschen begehre, falle
ich völlig in Ungnade. Mürrisch zeigt sie mir die Nasszelle und zieht sich
dann in ihre Gemächer zurück. Irgendwie scheine ich in meinen verschwitzten Fahrradklamotten
nicht ganz ihren Vorstellungen von einem ordentlichen
Hausgast zu entsprechen. Vermutlich hat auch mein, in ihren Augen wohl etwas
ungewöhnliches Gepäck dazu beigetragen mich in ihrer Gunst so tief sinken zu
lassen. Normalerweise würde ich in einer solchen Situation
versuchen mein anstößiges Erscheinungsbild wenigstens verbal etwas
aufzubessern, doch meine spärlichen Italienischkenntnisse lassen dies nicht
zu. Frisch geduscht und geschniegelt unternehme ich vor dem Abendessen noch
einem kleinen Rundgang durch die mittelalterlichen Gemäuer der Stadt. Später,
im 'Ristorante', beim Studium der Speisenkarte, ist die unfreundliche Alte
längst vergessen. Die zu erwartenden Gaumenfreuden verdienen meine ungeteilte
Aufmerksamkeit.
San Gimignano ist
weithin bekannt als die Stadt der Türme.
Es sollen 72 gewesen sein, heute sind es nur noch 13. Der größte ist 54 m hoch. Im
Mittelalter waren sie einst Zeugnis des Reichtums und der Macht sich gegenseitig
bekriegender Adelsfamilien. Wer den Größten hatte war der Boss. Und wenn's mal
brenzlig wurde, konnte man sich getrost in die mit allem Lebensnotwendigen
ausgestatteten Türme zurückziehen und einige Tage belagern lassen. San Gimignano,
wie auch Siena, verdankt seine Existenz der sogenannten Frankenstraße, dem Hauptverkehrsweg,
der im Mittelalter aus dem Norden nach Rom führte. Erfolg und Reichtum
seiner Bürger beruhten wesentlich auf dem Handel, vor allem mit Safran und den daraus
gewonnen Farben. Auch sollen Bankgeschäfte und ein auswucherndes Kreditwesen
nicht unerheblich zur Mehrung des Wohlstandes beigetragen haben. Im Jahre 1352
kam S. Gimgnano unter die Herrschaft von Florenz. Die Blütezeit ging langsam zu
Ende, die Florentiner förderten die Stadt noch als Bollwerk gegen Siena.
Als dann Siena 1557 dem Großherzogtum Toskana einverleibt wurde, versank S.
Gimignano vollends in der Bedeutungslosigkeit. Seine stolzen Türme begannen zu
zerfallen.