6.
Etappe, Miomo, km 410
Donnerstag
2.6.88
Bis
zum Meer, zur 'Marina di Pisa' sind es 10 km. Kaum zu glauben, dass Pisa
vor ein paar hundert Jahren noch Hafenstadt war. Der Arno hat beeindruckende
Arbeit geleistet und die ganze Umgebung hier angeschwemmt. Die Straße präsentiert
sich überwiegend als schattige, gut ausgebaute Platanenallee. Von der Marina bis
nach Livorno geht's dann noch einmal 10 km immer am Meer entlag nach Süden. Trotz des
schlechten Straßenbelags mit erstaunlich vielen und tiefen Schlaglöchern komme
ich auf der N224 gut voran. Radfahren macht Spaß!
Doch dann Livorno! Die Hafengegend! Das reinste Inferno. Bullige
Hitze, enge Straßen, staubige Baustellen, eilige Lastwagen, riesige
Sattelschlepper und höllischer Verkehrslärm. Mit flatternden Nerven erreiche
ich das Hafenbüro und kaufe mir ein Ticket für die Überfahrt. Zu meiner großen
Überraschung ist die Mitnahme des Fahrrads gratis. Wo gibt es denn heutzutage noch was umsonst?
Lässig radle ich an der endlos langen Schlange wartender Autofahrer vorbei und gehe
als einer der ersten an Bord. Ich schiebe das Rad durch den riesigen Bauch der Fähre ans
andere Ende und parke es direkt an der Ausfahrtsluke. Das hochgelegene Deck der Fähre
bietet einen guten Ausblick über die ausgedehnte Hafenanlage. Schon
verschwinden die letzten Autos in der Fähre. Wir legen ab. Aus den
Lautsprechern erklingt italienische Opernmusik. Man spielt Verdi, erst die Ouvertüre
zu 'La Traviata', dann den Triumphmarsch aus 'Aida'. Sehr stimmungsvoll, das
Ganze! Allmählich entfernen sich Stadt und Hafen, werden kleiner und kleiner,
bis sie sich schließlich am Horizont im Dunst der Küstenlinie verlieren.
Die Überfahrt dauert knapp 4 Stunden. Im Bordrestaurant nehme ich einen kleinen Imbiss zu mir
und begebe mich dann auf das Oberdeck. Es ist sehr warm, doch der Fahrtwind sorgt
angenehm für Kühlung. Achtern ergattere ich noch einen freien Liegestuhl.
Anstelle der Opernmusik ist nun das weniger melodische Kreischen der das
Schiff begleitenden Möwen vernehmen. Sie werden von einigen Fahrgästen gefüttert und
sehen alle aus, als ob sie Emma hießen. Das jedenfalls meint Christian
Morgenstern. Er meint auch noch, sie seien mit Schrot zu schießen, doch das gehört eigentlich nicht hierher.
Nach und nach drehen die
Möwen ab und kehren wieder zum Festland zurück. Es ist nur noch das gedämpfte, monotone
Geräusch der Schiffsdiesel zu hören. Ich mache es mir in dem Liegestuhl
bequem, lehne den Kopf zurück und versuche Morgensterns Möwengedicht zu rekapitulieren.
Es will mir nicht recht gelingen. Für einen Moment schließe die Augen. Das laute Tuten des Schiffshorns
reißt
mich unsanft aus meinem Halbschlaf. Wir legen gerade im Hafen von Bastia an.
Es
gelingt mir als
einer der ersten von Bord zu kommen. Auf der Suche nach einem Campingplatz in
Stadtnähe wende ich mich zunächst, einem Hinweisschild folgend, nach
links, nach Süden. Ich entferne mich immer weiter von der Stadtgrenze, doch da
ist weit und breit kein Zeltplatz. Sollte ich den Wegweiser falsch interpretiert
haben? Oder irgendwo falsch abgebogen sein? Nach ca. 10 km kehre ich wieder um.
Ein zweites mal kämpfe ich mich durch das Verkehrschaos des Hafens von Bastia!
Diesmal folge ich der Küstenstraße, der D80 nach Norden. Nach etwa 6 km,
in Miomo, entdecke ich, unweit der Straße, versteckt hinter Bäumen und Hecken,
den 'Camping Casanova'. Eine
gute Gelegenheit die heutige Etappe zu beenden. Ich beschließe den Abend
hier zu verbringen und mir den Stadtbummel in Bastia für die Rückreise
aufzuheben. In meiner unmittelbaren Nachbarschaft haben 3
Österreicher ihr Zelt errichtet, Bergsteiger, die schon zum zweiten mal hier sind
und unter
anderem auch den höchsten Berg der Insel, den Monte Cinto, besteigen möchten.
Sie sind von der wilden, größtenteils noch unberührten Bergwelt der Insel
begeistert.
Mein
erster Eindruck: Korsika ist eine sehr schöne Insel, und das Wetter könnte nicht besser sein.