Die Fahrt hierher war
schön und mühsam zugleich. In ewigem Auf und Ab wand sich die Küstenstraße malerisch um jede Bucht,
jeden Stein und jeden Strauch. Immer wieder taten sich herrliche Ausblicke auf;
Anlässe zum Verschnaufen und Genießen. Der Straßenbelag jedoch ließ sehr zu
wünschen übrig und spottete jeder Beschreibung.
Reichlich, mit unerwartet tiefen, oft erst im letzten Moment erkennbaren
Schlaglöchern ausgestattet, verlieh er den vielen zünftigen Abfahrten einen
besonderen, nicht immer ungefährlichen Reiz. Das ständige Rütteln und Schütteln führte denn auch,
nach etwa 20 km zum Bruch des vorderen, etwas schwächlichen Gepäckträgers. Fortan war ich gezwungen einen Teil
meiner Habe, nämlich das nicht gerade leichte Fotozeug und die umfangreiche
Reisebibliothek, bestehend aus Karten, Reiseführern und Wörterbüchern auf dem Rücken zu
tragen. Ich hoffe in St. Florent ein gut sortiertes Fahrradgeschäft zu finden,
das so etwas Exotisches wie einen Vorderradgepäckträger führt.
Es ist Mittag, und ich habe soeben mein Zelt auf einem idyllisch gelegenen
Campingplatz in der Nähe von St. Florent errichtet.Mein Minizelt wirkt auf dem geräumigen, mit dichten Büschen
umstandenen 'Emplacement' noch winziger als es ohnehin schon ist. Nach der feudalen Ferienwohnung
der vergangenen Nacht ein echter sozialer Abstieg! Dennoch gedenke ich hier
den längst fälligen Ruhetag einzulegen, mich zu erholen, die korsische Küche zu testen,
am Strand zu faulenzen und nebenher, irgendwann, meine schmutzige
Wäsche zu waschen.
Das große Seebad St. Florent liegt auf einer Landzunge in einer der schönsten
Buchten des Mittelmeeres, dem 'Golfe de St. Florent'. Ich flaniere durch die
pittoreske Altstadt und sehe mich schon mal um nach einem geeigneten Restaurant
für den Abend. Im Jachthafen überkommt mich jäher Neid, angesichts einiger
Luxusjachten die hier vor Anker liegen. Ich frage mich wie man es wohl
anstellen müsse, um zu solchen Booten zu kommen. Etwas später, vor einer
kleinen Bar, bei einem kühlen Bier, ist mir hierzu immer noch keine
befriedigende Antwort eingefallen. Ich beschließe die Lösung des Problems zu
vertagen und erst einmal meinen Korsikaführer zu befragen, wo ich hier überhaupt bin.
Im Jahre 1440 bauten die Genuesen
hier eine Zitadelle, die ihnen zur Kontrolle des Seehandels im Mittelmeer sehr gelegen
kam. Die
Festung war bis ins 18. Jahrhundert Bischofssitz und Gouverneurspalast.
Der Hafen hatte eine hervorragende strategische Lage, die landwirtschaftlichen
Anbauflächen lagen nah und prosperierten. Dieses günstige Zusammentreffen aber
machte die Stadt zum Ziel wiederholter, rüdester militärischer Invasionen. Obwohl die Malaria hier verheerend wütete, wurde
der Ort im 16. Jahrhundert heftig umkämpft: von den Franzosen, den Genuesen
und natürlich von den Korsen. Im Jahre 1774 hausten hier in einem verwüsteten Lebensraum
noch 350 Einwohner, bedroht von Fieber und ständiger Kriegsgefahr. Einen neuen
Wachstumsschub bekam die Stadt erst, nachdem Napoleon III die Trockenlegung der Sümpfe befahl und damit die Ursache der Malaria
beseitigte.