Der
'Col de San Bastino' mit seinen 410 m Höhe hatte es in sich! Bei brütender
Hitze kam ich völlig durchgeschwitzt dort oben an. Ich hielt mich nicht lange auf,
nach einer kurzen Verschnaufpause machte ich schnell noch ein paar
Fotos und stürzte mich dann sofort in die Abfahrt,
hinab zum 'Col de Listincone' (232 m) und weiter abwärts nach
Ajaccio.
Gegen Mittag komme ich dort an. Es ist bullig heiß, ich bin völlig
ausgetrocknet und lechze nach einem erfrischenden Getränk. An einem Kiosk im Hafen erstehe ich eine eisgekühlte Dose Kronenbourg, die ich
auf der Stelle
und viel zu schnell, in einem Zug, leere. An den Hafenkais liegt eine
kunterbunte Flotte unterschiedlichster
Fischerboote vor Anker. Einfarbenprächtiger Anblick, und überall regsames Treiben! Ich werde hier in
Ajaccio, der Hauptstadt der Insel, einen Ruhetag einlegen, einen halben
zumindest, und mir auf diese Weise wenigstens einen ungefähren Eindruck über die Sehenswürdigkeiten
verschaffen, von denen Herr Michelin meint, man sollte unbedingt dort gewesen sein.Da gibt es unter anderem die Citadelle, erbaut Mitte des 16. Jahrhunderts auf
einem Felsvorsprung hoch über dem Fischereihafen, die Renaissancekathedrale,
mit deren Bau 1582 begonnen wurde und das Bonaparte Museum. Letzteres hat es mir
besonders angetan, ist es doch in einem so geschichtsträchtigen Ort wie dem Geburtshaus
Napoleons untergebracht.
Mein Programm für den Nachmittag steht fest, doch zunächst gilt es einen
geeigneten Campingplatz zu finden. Der Michelin-Campingführer empfiehlt einen
sehr schönen 4-Sterne-Platz etwas außerhalb, westlich der
Stadt. Kurze Zeit später treffe ich dort ein. Ich bin zufrieden. Herr Michelin
hat nicht übertrieben. Hanglage,
breite Terrassen, viel lichter Schatten unter hohen Pinien, und direkt am Meer mit
gepflegtem Strand! Ganz oben, auf der letzten
Terrasse, neben einer kleinen, halbhohen Mauer, die mir Tisch und Stuhl
zugleich sein wird, errichte ich mein Zelt. Ich habe es eilig. Gleich nach
dem Duschen schwinge ich mich in Ausgehkleidung wieder aufs Rad, zurück in Richtung
Innenstadt.
Samstag,
11.6.88
Zu
dem halben Ruhetag werden wohl noch zwei weitere hinzukommen. Gestern, nach einem
ausgiebigen Stadtbummel und einem guten
Abendessen, begleitet von einem köstlichen Fläschchen Wein, fiel ich vor der Rezeption des Campingplatzes
vom Rad und verstauchte mir dabei das
linke Handgelenk. Das Ganze war mir nicht nur sehr peinlich, es tat höllisch weh! Die näheren Umstände
und Ursachen meines Missgeschicks zu
schildern möchte ich mir hier ersparen. Nur so viel: Die Rennriemen an den
Pedalen können recht hinderlich sein, vor allem dann, wenn man in heiterer
Stimmung
plötzlich und unerwartet gezwungen ist anzuhalten. An eine Weiterfahrt, wie geplant, ist
nun nicht mehr zu denken. Ich bin für einige Zeit, zwar nicht gerade ans Bett, so doch an den Strand des Campingplatzes
gefesselt. Ein Los, das mit Fassung zu tragen mir nicht allzu schwer fallen wird.
Ich denke zwei Tage werden ausreichen! Heute schon macht das Handgelenk wieder einen halbwegs
passablen Eindruck, es
ist zwar noch geschwollen und hat sich blaugrün verfärbt, doch die Schmerzen sind
erträglich, dank einer Creme, die ich mir in aller Frühe in einer Pharmacie besorgt
habe.
Soeben habe ich einen rohen, noch lebenden 'Chapeau
chinois', einen Chinesenhut, verspeist.
Was das ist und wie es dazu kam sei hier kurz geschildert.
Ich liege faul am campingplatzeigenen Strand, pflege mein lädiertes Handgelenk, in dem ich es ab und zu
ins kühlende Nass halte und beobachte seit geraumer Zeit, wie sich eine komplette
Familie, Vater, Mutter, zwei Kinder, Bub und Mädchen, 12 und 14 Jahre alt, an
einem meerumspülten, mit grünem Tang bewachsenen Felsen zu schaffen macht.
Sie reißen vom Fels irgend etwas ab, betrachten es kurz, führen es zum Mund
und werfen irgend etwas wieder zurück ins Wasser. Interessiert rapple ich
mich auf, trete vorsichtig
näher und sehe, dass der Fels mit einigen Miesmuscheln bewachsen ist. "Ce
sont des moules, que vous mangez?" frage ich das Familienoberhaupt in
perfektem Französisch.
"Non, c'est un délice, ce sont des .... des chapeaux chinoises" bekomme ich zur Antwort.
Er zeigt mir eine kleine Muschel, etwa von der Größe eines 1-Mark-Stücks, einem Chinesenhut nicht unähnlich,
und erklärt mir noch dazu, dass man sie blitzschnell mit den Fingernägeln am Rand
ergreifen und abreißen müsse, da sie sich sonst am Fels festsaugen würden und
nicht mehr abzubekommen wären. Einige vergebliche Versuche meinerseits bestätigen diesen
Sachverhalt. So sehr ich mich auch bemühe, es gelingt mir nicht auch nur eine einzige
dieser begehrten Meeresdelikatessen abzurupfen. Da kommt der Knabe, ein
pfiffiges Bürschchen, der die Dinger natürlich mühelos abbekommt, strahlend auf
mich zu und reicht mir ein besonders großes Exemplar. Ich solle es doch mal degustieren.
Das bringt mich in arge Verlegenheit. Eigentlich wollte ich mich nur ein wenig
unterhalten, mein Französisch eventuell etwas aufbessern und testen. Ich verspüre absolut keinen Appetit auf
rohes, noch lebendes Meeresgetier. Doch nun sehen mich vier Augenpaare
aufmunternd und erwartungsvoll an! Was tun? "Jetzt nur keine Blöße zeigen!"
schießt es mir in den Sinn. Nach kurzem Zögern beiße ich, ganz Mann von Welt,
beherzt hinein, löse die überraschend feste Masse schlürfend aus der
Schale und verschlucke sie ohne mit einer Wimper zu zucken. Wohlgeschmack vortäuschend
streiche ich mir anschließend genussvoll über den Magen und lasse eine zufriedenes "hmmm,
c'est bon!" vernehmen. Das wird anerkennend registriert. Das Ding schmeckte nicht einmal schlecht,
etwas salzig, und irgendwie
nach Austern.
Sonntag,
12.6.88
Mein Handgelenk hat
inzwischen alle Farben des Regenbogens angenommen, aber es schmerzt kaum noch.
Ich denke morgen weiterfahren zu können. Den Vormittag verbringe ich
lesend am Strand des Campingplatzes, begebe mich gelegentlich in die Fluten
und versuche jedes Mal, jedes Mal vergeblich, einen dieser Chinesenhüte von
den Felsen zu pflücken. Der Misserfolg weckt meinen Ehrgeiz. Ich versuche es immer
wieder. Als es mir dann tatsächlich einmal gelingt eines dieser Schalentiere
zu überlisten, wahrscheinlich habe ich es im Tiefschlaf überrascht,
weiß ich nichts rechtes mit ihm anzufangen und setze es sofort wieder
zurück. Mein Jagtrieb ist gestillt!
Am Nachmittag teste ich mein
Handgelenk auf Fahrradtauglichkeit und radle hinaus zur 10 km entfernten
'Pointe de la Parata', einer schmalen ins Meer ragenden Landzunge. Am
äußersten Ende dieser Halbinsel steht ein Genueser Turm aus dem Jahre 1608,
einer jener typischen Türme, wie sie hier entlang der
gesamten Küste zuhauf anzutreffen sind. Auf einem schmalen Pfad, durch
mannshohe Macchia, steige ich hinauf auf einen der grünen Buckel. Im
Wärmestau des buschigen Gestrüpps herrscht ein würziger Duft nach
allerlei aromatischen Kräutern.
Oben bietet sich ein guter Überblick auf eine Reihe kleiner Inseln,
die 'Iles Sanguinaires', die, wie aufgereiht auf einer Perlenschnur die
Landzunge in einer geraden Linie fortsetzen. Die größere der Inseln
bringt es immerhin auf die stolze Höhe von 80 m über dem
Meeresspiegel, weshalb auf ihr auch ein weithin sichtbarer, die Einfahrt
in den Golf von Ajaccio markierender Leuchtturm thront. In seinen 'Lettres de mon
Moulin' rühmt der Schriftsteller Alphonse Daudet, der 1863 für ein paar Tage in dem Leuchtturm
wohnte, mit der Erzählung 'Le Phare de Sanguinaires' die Schönheit der
Landschaft und gibt Einblick in Leben und Arbeit der Leuchtturmwärter.
Die Genuesertürme dienten einst als Wacht- und Schutztürme gegen die
'Turchi',
von den Küsten Nordafrikas einfallende barbarische Piraten. Diese
verbrannten die Ernten, stahlen das Vieh, zerstörten die Gebäude und
nahmen die Dorfbewohner zu Sklaven. Im Jahre 1560 wurden so 6000 korsische
Gefangene nach Algier entführt! Um gegen diesen unheilvollen
Ansturm zur
Landplage gewordener Räuberbanden anzukämpfen, errichtete der Stadtstaat Genua, der 4 Jahrhunderte lang die
Insel beherrschte, entlang der 500 km langen Küste ein
ausgeklügeltes Überwachungs- und Alarmsystem. Es bestand
aus einer stattlichen Anzahl von
Türmen, die sowohl als Ausguck, als auch als Zufluchtsstätten dienten.
Kaum kamen die Segel der Piraten am Horizont in Sicht, so entzündeten die
Wächter oben auf ihren Türmen zur Warnung der Dorfbewohner weithin
sichtbare Feuer, worauf diese ihr Vieh in Sicherheit bringen und sich
selbst ins Landesinnere oder auch in die Schutztürme zurückziehen konnten. Heute existieren noch 67 Türme aus dem 15. und 16.
Jahrhundert, vor allem auf dem 'Cap Corse' und entlang der Westküste der
Insel, wo
sie vornehmlich auf ausgesetzten Felsvorsprüngen anzutreffen sind.