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Signal de Lure (1628 m) |
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Sisteron, 21. August 1987
Ausgangspunkt der Tour ist das Städtchen
Sisteron,
das Tor zur Provence. Vom Lac d'Embrun kommend, wo Freund Rainer noch vergeblich versucht hatte
Sisteron, mit seiner das Tal beherrschenden Festung, kann auf eine bewegte Geschichte zurückblicken. Gegen einen geringen Obolus gibt die Zitadelle selbst, in Ich-Form, bereitwillig und in mehreren Sprachen, über Lautsprecher darüber Auskunft. Unter anderem erfährt man so auch die Episode von Napoleons Rückkehr aus Elba. Man schreibt den 5. März des Jahres 1815. Ein strahlendblauer Frühlingshimmel wölbt sich über dem Tal der Durance. So gegen 10 Uhr vormittags zieht, vom linken Ufer des Hochwasser führenden Flusses kommend, Napoléon Bonaparte , Kaiser der Franzosen, mit einer kleinen Schar Getreuer auf die Brücke. Dort hält er kurz an, sammelt sein wehrhaftes Häufchen um sich, lässt seinen Blick zur Zitadelle hoch schweifen, und orakelt nicht ohne Pathos in der Stimme: "Soldaten, wir sind gerettet, wir sind in Paris!"
Vor knapp einem Jahr hatten
ihn seine europäischen Herrscherkollegen mit vereinten Kräften zur Abdankung gezwungen.
Als Bestrafung für seine fortgesetzten Eroberungsfeldzüge wurde er auf die
schöne Mittelmeerinsel Elba verbannt. Nicht dass seine von Gott persönlich
eingesetzten, hochwohlgeborenen Das Leben auf Elba wird wohl nicht ganz seinem Gusto entsprochen haben, gab es doch außer einem kleinen Heer von Lakaien und Bediensteten nichts zu kommandieren. Anstatt das schöne Ambiente der Insel zu genießen, wie das in unserer Zeit Tausende zufriedener Touristen tun, sann er beharrlich nach Wegen zur Rückkehr nach Paris und an die Macht. Heimlich rekrutierte er eine kleine Schar ihm treuergebener Patrioten und machte sich schon bald in aller Eile auf den Weg. Am 1. März landete er in Cannes und zog von dort auf verschlungenen, oft noch schneebedeckten Pfaden, der heutigen 'Route Napoléon', nach Norden. Nach einem entbehrungsreichen 4-tägigen Marsch steht er schließlich vor dem Nadelöhr Sisteron, wohlwissend, dass sein 'come back' nur gelingen kann, wenn ihn diese verflixte Zitadelle unbeschadet und ohne großen Zeitverlust passieren lässt. Ihm ist bekannt, dass die Stadtoberen und der überwiegende Teil der Bevölkerung eher mit dem royalistischen Lager sympathisieren. Ein wohlwollender Empfang ist also nicht so ohne weiteres zu erwarten. Am Abend zuvor, bei seiner Ankunft im nahen Malijai, hatte er deshalb seinen General Cambronne mit 100 Berittenen losgeschickt mit der Order, koste es was es wolle, die Obrigkeit der Stadt und den Kommandanten der Festung zum Stillhalten zu verpflichten. Erstaunlicherweise erhält er noch in der selben Nacht, kurz vor Morgengrauen, durch einen Eilboten die erhoffte Nachricht. Der Weg ist frei! Vermutlich wäre das Erstaunen nur halb so groß, wüsste man um das Spiel hinter den Kulissen, um die möglicherweise angedrohten Repressalien und/oder versprochenen Gegenleistungen.
172 Jahre später. Es ist 8 Uhr, ein strahlendblauer Sommerhimmel wölbt sich über dem Tal der Durance. Der Fluss führt schon lange kein Hochwasser mehr; er wurde vor Jahren reguliert. Ich sitze beim Frühstück vor meinem Zelt, mein Blick schweift immer wieder hinauf zur Zitadelle. Herab weht beständig ein leichter Hauch von Geschichte. Nach einem letzten
Schluck 'Cafe au Lait' mache ich mich langsam startklar, pumpe die Reifen auf,
überprüfe sorgfältig die Bremsen und fülle die Trinkflasche. Von der
Vorfreude auf eine lohnende Bergtour getrieben, verlasse ich dann so gegen 9 Uhr
beflügelt den Campingplatz. Auf
der Brücke über die Durance halte
Unter Umgehung des Stadttunnels,
gelange ich linker Hand durch ein kleines Gässchen, die Rue
Saunarie, ins
Stadtzentrum. Von dort führt dann, nach etwa 400 m auf der Hauptstraße, rechts die D53 über eine nicht zu
unterschätzende Steigung in südwestlicher Richtung aus dem Ort
hinaus. Es ist sehr heiß, und
das
Während ich noch überlege, woran es liegen mag, und was nun wohl zu tun sei, da kommt wie auf Bestellung, ebenfalls einem Drang nach Höherem folgend, ein Radler des Wegs. Es ist, wie ich später erfahre, André aus Nîmes, der hier in der Gegend mit seiner Frau Urlaub macht. Mit sicherem Blick für das Wesentliche erfasst er sofort meine missliche Lage und tut dies auch unverzüglich kund mit dem fragenden Ausruf : " Vous êtes en panne!?" Bejahend deute ich auf den schlaffen Schlauch. André zeigt sich sehr hilfsbereit, und ich schildere ihm mein Problem. Er meint, es läge wohl daran, dass der Schlauch nicht genügend aufgeraut sei, und ob ich denn kein Schmirgelpapier hätte. Ich zeige ihm das zu diesem Zweck benutzte Aufraublech. Verächtlich winkt er ab, damit ginge es nicht. Da aber auch er über kein geeignetes Reibzeug verfügt, stellt sich nun wie von selbst die Frage nach meinem Reserveschlauch. Beschämt muss ich eingestehen, ausgerechnet heute keinen dabei zu haben. Andrés missbilligender Blick verrät mir zweierlei: Erstens, dass seine Kritik völlig berechtigt ist, man sollte nie ohne Reserveschlauch auf Tour gehen, und zweitens, dass er als Profi selbstverständlich über einen solchen verfügt. Es entsteht eine hintergründige Pause, in der sich jeder sich so seine Gedanken macht. Während ich hoffe, er möge sich nicht länger zieren mir nun seine Schlauchreserve anzubieten, scheint er zu überlegen, wie er sich ohne Preisgabe derselben aus der Affäre ziehen könne. Zu meiner Erleichterung fällt ihm aber offenbar kein eleganter Ausweg ein. Großzügig bietet er mir schließlich seine 'chambre à air' zum Einbau an. Meinen Wunsch die Angelegenheit sofort und auf der Stelle mit Geld zu regeln lehnt er jedoch entschieden ab. Ich möge ihm doch den Schlauch bei unserer Ankunft in Sisteron wieder zurückgeben. Es bleibt zunächst ungeklärt, ob es der selbe sein müsse, oder ob es auch ein anderer sein dürfe. Ich verzichte darauf, das für und wider dieser Vorgehensweise noch weiter zu diskutieren, bedanke mich überschwänglich und ziehe die Leihgabe über die Felge. Zusammen schrauben wir
uns dann Kehre um Kehre die langgezogenen Serpentinen hinauf. Die provenzalische
Sonne steht mittlerweile hoch im Zenit und lässt uns spüren, was das bedeutet. Kein Lufthauch
bewegt die flimmernde Hitze. Der Schweiß rinnt in Strömen. André
hat es besonders schwer. Seine kleinste Übersetzung ist mit 42:23 nicht gerade
bergfreundlich. Dies hat aber zur Folge, dass er etwas schneller ist als ich
André hat es eilig wieder nach Sisteron zu kommen, wo seine Frau auf ihn wartet. Wir vereinbaren für den Fall, dass wir uns während der Abfahrt aus den Augen verlieren sollten einen Treff für die Schlauchrückgabe. Um 18 Uhr unter der 'Tour de l'Horloge' in Sisteron! Die Südseite der Passstraße ist gut
ausgebaut und mit einem neuen, griffigen Belag versehen. Die Abfahrt wird zum reinen Vergnügen.
Ich muss mich bewusst mäßigen um vor lauter Begeisterung in den Kurven nicht zu schnell zu werden.
Der kühlende Fahrtwind auf der durchschwitzten Kleidung lässt vorübergehend auch den inzwischen
zur Plage gewordenen Durst vergessen.
Es ist immer noch sehr heiß. Die Luft flimmert, der Asphalt ist weich und klebt an den Reifen. Nach der rasanten Abfahrt fällt es schwer wieder bergauf zu radeln. Die Landschaft ist nun typisch provenzalisch, am Straßenrand zirpen ohrenbetäubend die Zikaden. Es riecht nach Thymian und Rosmarin. Hinter der Ortschaft Cruis wird das hügelige Gelände merklich flacher und schon bald geht es wieder bergab. In Mallefougasse trennen wir uns. André, der es sehr eilig hat, ist nun nicht mehr zu bremsen. Was mag der wohl für eine Frau haben? Ich lege eine kleine Rast ein, sehe mich im Ort noch etwas um und setze dann die Abfahrt zur Route Napoléon und nach Sisteron fort. Am Ortseingang befindet sich auf der linken Seite ein Fahrradgeschäft. Dort kaufe ich noch schnell zwei Schläuche, einen für André, den anderen für mich.
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